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Ausflügeln

Carola Czempik | Betina Kuntzsch | Marianne Stoll
Ausstellung vom 7. Mai – 19. Juni 2016

Perwenitz (MOZ) Die Energie, mit der die in Glienicke bei Berlin lebende Künstlerin Carola Czempik immer wieder neue Projekte erfindet, dafür Kolleginnen gewinnt, die ihrer experimentellen Auffassung von Kunst entgegenkommen, entspringt einer sich auf diese Weise erneuernden schöpferischen Gemeinsamkeit. Mit ihren eigenen Arbeiten hochgeschätzt sucht die 1958 in Hildesheim geborene und an der Berliner Universität der Künste ausgebildete Malerin, Bildhauerin und Performerin nach Vervollkommnung durch verschiedene, sich ergänzende Formen der Kunst und deren Ausdrucksmittel. Ein solches Anliegen findet sich in dieser Künstlergeneration selten.

Im Duo mit der Video-Künstlerin Betina Kuntzsch hat sie unter dem Titel "Salzspiegel" eine frappierende Verbindung zwischen Malerei, Objekten, Videos und Videozeichnungen gefunden. Diese nicht zuletzt auch auf Räume reagierende Präsentation wirkte in dem weitläufigen Foyer der Berliner ver.di-Zentrale am Ostbahnhof so ganz und gar anders als in den intimen Räumen der Galerie Mönch in Westend oder die gerade beendete im Bikini Berlin am Breitscheidplatz. Dieser Installation ist nicht zuletzt die Erinnerung an die einst hier beheimatete experimentierfreudige Berlinische Galerie zu danken.

Gespannt konnte man darauf sein, dass Carola Czempik nach dem Duo mit Betina Kuntzsch nun in der Kulturmühle Perwenitz mit Marianne Stoll als Trio "in einen interdisziplinären Dialog tritt". Das liest sich gewichtig, die Wahrnehmung in den lichten, hohen Räumen der seit knapp 20 Jahren als Kunstort neu erstehenden ehemaligen Ölmühle ist eine Gelegenheit, die sehr unterschiedliche Arbeiten und Konzepte zu präsentieren und diese in Korrespondenz zueinander zu bringen vermag. Damit empfiehlt sich dieser vor den Toren Berlins gelegene Ort im Havelland neben seinem von Ausflüglern geschätzten Wert als "Raststätte" mit seinen großzügig zu gestaltenden Flächen.

Und eben diese Möglichkeit nutzen die drei Künstlerinnen, indem jede den Ausstellungstitel "Ausflügeln" für sich spielerisch ausdeutet: Ausflüge zu Orten oder in vergangene Zeiten können damit ebenso gemeint sein wie das Aufspannen von Flügeln, die den Betrachter über Kontinente oder über von ihm selbst gesetzte Grenzen führen kann oder gar - wie Marianne Stoll - Traumgebilde in Gestalt von "Luftschlössern" schafft.

Ihren figürlich sich sanft bewegten und doch in Form und Volumen ständig auf faszinierende Weise verändernden Videoprojektionen fügt Betina Kuntzsch fotografische Momentaufnahmen hinzu. Die im wiederholten Vorbeifahren an Straßenzügen in ihrem Kiez in der Greifswalder Straße in Berlin Prenzlauer Berg entstandenen Aufnahmen, die das Alltagsleben in seiner Veränderung während und nach den Wendejahren dokumentieren, sind Ausdruck einer noch nicht abgeschlossenen Veränderung. Dafür kreierte sie neben ihren Fotoradierungen eine neue Form der Umsetzung authentischer Bilder - die "Videofotoradierung".

Ein beträchtlicher Gewinn ihrer Arbeit ist der hier gleichberechtigt unternommene Versuch von Carola Czempik, Betina Kuntzsch und Marianne Stoll sich und den Betrachter zu verorten, sich der Frage nach dem Behaustsein in unserer Welt zu stellen und damit den Begriff Heimat neu zu befragen.

Bis 19.6., Kulturmühle Perwenitz, Dorfstr. 1, Fr-Sa 13-20 Uhr, So 11-19 Uhr, Telefon: 033231 60856, Bus 671 ab Rathaus Spandau bis Perwenitz Kirche; am 28.5. führen die Künstlerinnen durch die Ausstellung
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