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Rede zur Eröffnungsfeier nach Umbau im September 2014 von Antje Grabley


Es ist genau 20 Jahre her, da hat sich eine junge Berliner Familie auf den Weg ins Brandenburgische gemacht – auf der Suche nach neuem Wohnraum für Vater, Mutter, Kind und nach einer neuen Werkstatt. Der Vater ist Metallbauer – das macht gewaltig Krach. Also soll es ein Haus irgendwo ganz am Rand sein. Die Nähe zu Berlin ist wichtig – da sind die Auftraggeber, aber auch die Freunde. Und viel Landschaft wär‘ nicht schlecht. Die drei machen Ausflüge aufs Land. Von Moabit aus gesehen fängt die Natur gleich hinter Spandau an.

Und dann entdecken sie die alte Mühle hier. Da ist die LPG noch drin – für Nichtkenner: eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Die mahlt schon lange kein Mehl mehr, produziert dafür fleißig Pellets für Tierfutter. Irgendwann ist auch damit Schluss und die Treuhand übernimmt. Perfekt für die kleine Familie: Die Mühle liegt am Ende des Dorfes – da geht das mit dem Krach. Sie bietet genügend Platz für Werkstatt und Wohnen. Und die Umgebung ist zauberhaft schön: gelbblühende Rapsfelder, ein naher Wald und viel Nichts drum herum.

Die Familie macht Pläne, schreibt Anträge und nimmt den Kampf auf: Mit der Treuhand und mit den Alteigentümern und lernt Begriffe wie „InvestitionsVorrangGesetz“. Denn sie will – Zitat – „irgendwas mit diesem Kasten machen“: Wohnungen bauen und vermieten, eine Werkstatt und ein Atelier einrichten, die eigenen vier Wände schaffen. Und das natürlich alles „mit ohne Geld“. Dafür aber mit unglaublich viel Enthusiasmus, Mut, tollen Freunden, einer gehörigen Portion Pragmatismus, aber auch fröhlicher Naivität. Das alles ist – wie gesagt – 20 Jahre her.

Aus dem „Kasten“ ist die „Kulturmühle Perwenitz“ geworden. Ein Ort, den wir alle lieben. An dem Ausstellungen gezeigt werden, Kinder und Jugendliche in Workshops lernen, kreativ zu arbeiten und mancher zum ersten Mal ein Stück Metall bearbeitet. Ein Ort, an dem tolle Konzerte stattfinden, politische Diskussionen, Kinoabende, man feste feiern und immer wieder interessante Menschen treffen kann. Ein Ort, der sich ständig verändert, wo immer alles im Fluss und der nie fertig ist. An dem so viele Ideen geboren, entwickelt und verworfen werden. An dem viele Menschen mittun, neue hinzukommen und auch wieder abspringen, weil Manches eben auch sehr mühsam ist.

Dieser Ort hat eine Seele, nein, mindestens zwei: Gudrun Venter und Jürgen Hägele, der Kern der kleinen Familie, die vor 20 Jahren auszog, um ihre Träume zu leben. Beide Kreative – jeder auf seinem Feld:

Gudrun Venter in der bildenden Kunst, eine preisgekrönte Malerin. Kreativ aber auch in der Kunst, andere für Kunst zu begeistern: Ob jugendliche Schulverweigerer, die sie an die Kunst heranführt oder Besucher von Nah und Fern, die die Kulturmühle als Offenes Atelier erleben. Und ganz wichtig: Zugleich ist sie die Herrin über Förderanträge, vorzeigbare Abrechnungen und korrekte Finanzen – auch dafür braucht’s Kreativität, vor allem aber Nervenstärke.

Der andere Kreative, Jürgen Hägele, ist genialer Handwerker und Alleskönner. Er gibt seinen – und unseren Träumen – ein Dach über dem Kopf und festen Boden unter die Füße. Er sorgt dafür, dass die Fenster gut schließen, die Fassade den schützenden Anstrich hat und der Fußboden mit Gussasphalt bestückt ist, damit wir gut tanzen können. Die Toiletten müssen funktionieren und die Espressomaschine soll laufen. Das alles ist harte Fleißarbeit. Arbeit, die Jürgen Hägele unermüdlich erledigt und nicht viel drüber spricht.

Die beiden guten Seelen wollten die Mühle immer schon öffnen: für die Kunst und für Menschen, die die Kunst lieben. Die allererste Veranstaltung in der Mühle soll eine Lesung in Gudruns Atelier gewesen sein – aus dem Decamerone – samt langer Tischtafel und vermutlich viel Wein. – Zitat Jürgen: „In die Richtung sollte es weitergehen“. Und es ging weiter, aber wie! Bei einer der nächsten Feten – die Remiseböden waren frisch mit Estrich ausgegossen und gerade noch rechtzeitig fertig geworden – wurde wild getanzt. Das setzte dem frischen Estrich arg zu, die Luft hing voll Zementstaub, die Haare wurden strohig und die Musikanlage staubt derart ein, dass der CD-Player schließlich seinen Dienst versagte. Der Stimmung tat das – laut Zeitzeugen – keinen Abbruch.

Kurze Zeit später folgten schon die Offenen Ateliers. Und immer wieder offene Baustellen, natürlich viele gleichzeitig, anders kann Jürgen Hägele gar nicht. Von Anfang an aber hatte er alles im Kopf: Die Mühle sollten mit Leben gefüllt werden, eine Kneipe sollte her und – Zitat – „jungbeseelt“ sollte sie sein – das „Cafe Silo“ ist es geworden.

Zur Geschichte der Mühle gehören auch die zahlreichen Freunde von Gudrun Venter und Jürgen Hägele. „Weggefährten“ nennt Jürgen sie und „die größte Hilfe in all‘ den Jahren“. Da kommen höchst unterschiedliche Menschen und höchst unterschiedlichen Talente zusammen: Der eine schleppt Steine, die andere steht hinterm Tresen. Der dritte macht Fotos, die vierte baut eine Website. Der fünfte malt Hinweisschilder, die sechste harkt den Boule-Platz, der siebente schmiert Schmalzbrote, die achte putzt Fenster, der neunte kocht Suppe für die ganze Meute ... die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen … Alle zusammen entwickeln Ideen und schmieden Pläne. Der harte Kern gründet den Verein „Kulturmühle Perwenitz e.v“.

Weggefährten sind nicht für die Ewigkeit – manche gehen ein Stück des Weges mit und gehen schließlich eigene Wege. Andere kommen hinzu und bringen Neues ein in diese bunte Truppe. Eins aber eint alle: die Liebe zur Kunst und zur Kulturmühle.

Die kleine Familie, die vor 20 Jahren auszog ins Brandenburgische, ist groß geworden: Der Sohn, Valentin, ist erwachsen und die Tochter, Antonia, auf dem direkten Weg dahin. Beide haben die Träume und Verrücktheiten ihrer Eltern, Feten und offenen Baustellen hautnah miterlebt. Miterduldet und mitgetragen, auch das muss erzählt sein.

Fragt man Jürgen, wie’s mit der Mühle weitergehen soll, sagt er verschmitzt: „Muss nie ganz fertig werden!“ Diesen Wunsch erfüllen wir Dir gern, Jürgen! Denn wir sind gespannt, was alles noch in ihr steckt, woran wir jetzt vielleicht noch gar nicht denken. Ein Stück kann jeder von uns dazu beitragen – und sei es, dass er oder sie weitersagen, wie großartig dieser Ort ist und wie toll die Kunst und die Menschen, die man hier immer wieder erleben kann.

Antje Grabley im September 2014